Bloß nicht mehr analog – die Digitalisierung

Als unvoreingenommener Zeitungsleser erhärtet sich der Eindruck, niemand will mehr analog leben und alles muss digitalisiert werden. Die Antwort auf “wie geht’s dir?” kann nur noch super oder beschissen lauten, denn für Grauzonen ist in der Welt der Nullen und Einsen kein Platz.
In meinem Freundes- und Bekanntenkreis können die wenigsten mit dem sperrigen Titel “Digitale Transformation” oder “Digitalisierung” etwas anfangen. Lerne ich auf einer Party jemanden kennen, wird nach meiner Antwort auf den Beruf sofort das Thema gewechselt. Der Gesichtsausdruck des Gegenüber liegt da regelmäßig zwischen völliger Ahnungslosigkeit und ängstlicher Verunsicherung. Da ist es ein schwacher Trost, dass es Bestattern wohl noch schlimmer ergehen dürfte.

Die ablehnende Haltung der Mehrheit ist Eingeweihten völlig unerklärbar. Da die meisten Menschen jedoch die Angst vor Veränderung eint, ruft Digitalisierung bei vielen Magengrummeln hervor. Vor allem weil es sich hier um etwas handelt, was man im ersten Moment nicht greifen zu können glaubt. Wikipedia definiert Digitalisierung als „den gesamten Vorgang von der Erfassung und Aufbereitung bis hin zur Speicherung von analogen Informationen auf einem digitalen Speichermedium“, was in meinen Augen zu eng gefasst ist.

“Die Digitalisierung erfasst alles was wir anfassen, nutzen, essen und lieben.” Dirk Röder

Es gibt genügend Beispiele aus dem Alltag, wo Technik uns Arbeit abnimmt oder das Leben erleichtert. So ist es für die Familie mit kleinem Vorgarten total normal, dass in Abwesenheit ein kleiner Droide auf dem Rasen spazierenfährt und dabei mit gewitzten Scherenhänden die Halme auf Normalmass stutzt. Einzig die Oma von gegenüber und der Hund des Nachbarn hadern noch mit diesem gespenstischen autonomen Fahrzeug. Die moderne Single Wohnung verfügt dann natürlich über einen Saugroboter, der ähnlich dem Rasenmäher funktioniert, nur eben in der Wohnung den Wellensittich durchdrehen läßt. Zu guter letzt ein Beispiel aus der Gastronomie. Früher bekam man Plastikteile in die Hand, die vibrieren wenn das Essen abholbereit ist. Heute macht man das mit einer Push Nachricht.

 

„Von der Digitalisierung hängt der ganze Wohlstand Deutschlands ab“, betonte Merkel kürzlich im Bürgerdialog Nürnberg

Unsere Frau #Neuland Merkel kann damit aber vermutlich nicht den Rasenmäher meinen. Natürlich liest sie das vor, was man hier hinlegt, aber zumindest hat der Schreiber irgendwo gelesen, dass nur 40 Prozent der Führungskräfte in der Chefetage künftig verstärkt in digitale Technologien investieren wollen und nicht mal 1/3 den technologischen Fortschritt als unverzichtbar anerkennen. Lässt man die Zahlen kurz sacken, dann sollte das im Grunde bei eben diesen unter 33% eine sofortige Kündigung nach sich ziehen. Wir reden hier vom Land der Ingenieure, und da wollen Führer der Wirtschaft lieber auf das Pferd setzen, statt Henry Ford zu zu hören? Deutschland ist satt und faul geworden. Doch passiert die Globalisierung sowohl als auch die Digitalisierung ohne uns. Während es mit SAP in Deutschland im Grunde nur ein namhaftes IT Haus gibt, herrschen die Giganten aus dem Silicon Valley über die Welt (der Daten). Das Öl des neuen Jahrtausends ruft in vielen Köpfen nur Ängste hervor, statt die vielseitigen Chancen zu ergreifen.
Kutschenbauer, Hufschmiede, Kamerahersteller, Videothekenbetreiber oder Handyhersteller bieten tolle Geschichten über Firmen, die aus der Zeit gefallen sind. Und 100% lachen über diese gescheiterten Geschäftsmodelle. Es ist aber ebenso nahezu 100% sicher, dass analoge Firmen irgendwann mit einem Atemzug mit Kodak, Blockbuster oder Nokia genannt werden.

Anbei meine Top 5 Entwicklungen durch Digitalisierung: Sprungmarke zu Versicherungen, Banken, Einzelhandel, Messenger und Fazit.

Verkehr

Der Straßenverkehr ist viel zu gefährlich, als das man den Menschen noch länger ans Steuer lassen kann. Wir Menschen können ja nicht mal richtig an der Ampel anfahren, geschweige denn das Reißverschlussverfahren. Daher stellen in Zukunft autonome Autos das Rückgrat des öffentlichen Großstadtverkehrs. Die Folgen für einige Branchen werden verheerend sein. Der Beruf des Taxifahrers stirbt aus und mit ihm die Wegelagerer für Parkvergehen, denn der Nutzungsgrad eines PKW steigt von heute ø10% auf über 50%. Das hat dann aber zur Folge, dass die Anzahl der Autos in der Stadt massiv sinkt und der teure Verkehrsraum für Parkbuchten den Menschen zurückgegeben werden kann. Die deutsche Vorzeigeindustrie wird im Umkehrschluss viel weniger Autos verkaufen und die Überkapazitäten der vergangenen Jahre schwer auf der Bilanz lasten.
Der autonome LKW von Mercedes machte in den vergangenen Monaten Schlagzeilen. Nur weil das Ungetüm 20x mehr als ein Cayenne wiegt, entspricht die für autonomes Fahren notwendige Technik im Grunde der aus einem Auto. Es ist letztlich Software, die man dann mit “copy paste” vervielfältigt. Neben unfallfreiem Fahren gibt es noch einen ganz anderen fantastischen Vorteil. Die Lieferung von Warschau nach Köln braucht nun mindestens 8 Stunden weniger, denn Computer müssen keine Pause machen. Der Beruf des LKW Fahrers allerdings wird wohl für ewig pausieren.

Nachweislich macht ein Computer weniger Fehler als ein Mensch. Google hat das bereits mit seiner Flotte an autonomen Autos eindrucksvoll bewiesen. Seit ca. 2 Wochen düsen selbst in Deutschland lautlos Tesla Model S Besitzer autonom über die Strassen. Heute. In 2015. Der Wagen wechselt nach dem Blinken auf der Autobahn selbstständig die Spur, oder bremst vor der Ampel ab und fährt bei grün wieder los.
In 2020 wird das erste voll autonome Fahrzeug verkauft. Und mit jedem verkauften Auto, LKW oder Bus sinkt die Gefahr für Unfälle. Frau Merkel – dann in Ihrer 6. Amtszeit – wird historisch niedrige Verkehrstote ab 2025 vermelden und diesen Erfolg natürlich als ihren eigenen verkaufen “Ich habe es doch gesagt, wir schaffen das!”. Ihre Glückseligkeit wird jedoch nicht lange währen, denn relativ bald braucht eine Industrie wieder Steuergelder weil “too big to fail”.

Versicherungen

Mit Kraftfahrzeugversicherungen verdienten die Versicherungskonzerne bis 2020 prächtig. Doch dann begannen die Unfallzahlen drastisch zurück zu gehen und bis zum Jahr 2030 wird damit gerechnet, dass es eigentlich keine Unfälle mehr gibt. Eine profitable Einkommenssäule vaporiert einfach dank ein paar Tausend Zeilen Code.

Das Ergebnis des „Global Digital Insurance Benchmarking Report 2015“ attestiert, dass mehr als die Hälfte der Konzerne keine digitale Strategie haben. Dabei steigt der Anteil von digital aktiven Kunden weltweit auf 79% bis 2020. Dies gilt für die Informationsbeschaffung bis hin zur Schadensmeldung. Obwohl mehrheitlich zentrale Elemente für die Verarbeitung der digitalen Datenströme fehlen, erwarten die Unternehmen drastische Anstiege in der Nutzung von digitalen Schnittstellen, z.B. für Schadensmeldung um bis zu 31%. Die Verlierer sind hier die Agenturen und Versicherungsvertreter, die durch digitale Vertragsabschlüsse, Betreuung und Schadensregulierung nicht mehr gebraucht werden.

“Viele Versicherer schaffen es kaum, mit ihren Kunden mitzuhalten, geschweige denn ihre Strategie für das digitale Zeitalter zu entwickeln” Dr. Henrik Naujoks, Bain & Company.

Banken

Die Banken stehen nicht viel besser da. Als Standardausrede wird hier die Regulierung angeführt, um den schwarzen Peter an die Politik zu übergeben. Doch eigentlich benötigt die Branche dringend einen echten Neustart ihrer kompletten IT Infrastruktur. Dies ist enorm teuer, aber immer noch billiger als mit alten Systemen in der Bedeutungslosigkeit zu versinken.
Doch nicht erst seit junge, kleine, wendige Start-ups den Markt der Finanzdienstleistungen aufräumen erlebt die Bankenbranche eine Veränderung. Es begann in den 90er Jahren mit dem aufkommenden Online Banking. Begleitet durch den Irrglauben die lästigen Privatkunden an eine online Tochter auszulagern, schossen die Brüder und Töchter bekannter Geldhäuser aus dem Boden. Dieser erste Schritt der Digitalisierung war zugleich ein Schuß ins eigene Knie, denn die neuen Ableger köderten die eigenen Kunden durch günstige Gebühren von den etablierten Filialen. Das kostenlose Girokonto war geboren. Im nächsten Schritt wurden die Besitzer von Aktien mit günstigen Transaktionsgebühren von den traditionellen Häusern abgezogen und man verlor eine weitere Einnahmequelle.
Parallel schwappte der Trend aus USA zu uns herüber, dass man alles auf Pump kaufen könne. Spezialanbieter für Konsumentenkredite etablierten sich am Markt, indem sie Verträge mit den großen Handelshäusern schlossen. Viel dramatischer sind aber die Banken der Autokonzerne, die die Finanzierung des neuen Wagen reibungslos in den Kauf integrieren. Riesige Kreditvolumen fliessen ab an neue, flexiblere Anbieter. Im Bereich der Finanzierung ist letztlich das letzte Bollwerk Immobilienfinanzierung gefallen. Mit Firmen wie Interhyp sind aggressive Aggregatoren am Markt, die die Kundenbeziehung der Bank zum Darlehensnehmer kappen und eine internetübliche Transparenz reduzieren.

In der Retroperspektive verlor der einstige Vollsortimenter Bank nach und nach Einnahmequellen. Übrig ist im Grunde nur noch das Girokonto mit seinen Basisfunktionen Geld empfangen,senden, abheben und einzahlen. Doch auch hier ist mit z.B. number26 ein Anbieter auf dem Markt erschienen, der diese rudimentären Funktionen einer jungen Zielgruppe entsprechend per App steuern läßt. Ganz zu schweigen von den IT Schwergewichten aus Übersee, hier allen voran Apple mit Apple Pay. Mit der Verbreitung von NFC wird die Bezahlung auf das Telefon verlagert – ein Gerät, dass 90% der Menschen 24 Stunden lang greifbar haben!
Am Ende wird das Filialsterben weitergehen und damit der Beruf des Bankangestellten immer rarer.

Einzelhandel

Auch wenn der Anteil des e-commerce in Deutschland noch bei 10-15% liegt, steigt er jährlich dramatisch an. Die alten Kaufhäuser stehen vor einer schier unlösbaren Aufgabe mit der immer lieferfähigen und diversifizierten Angebotswelt des Internets zu konkurrieren. Während zu Beginn hauptsächlich Elektronik über das Internet vertrieben wurde, gründete die REWE Gruppe eine eigene Firma für den digitalen Einkauf im Supermarkt. Amazon testete bereits 2007 in USA den Versand von frischen Lebensmitteln und der Markteintritt steht auch in Deutschland kurz bevor.
Der Wochenendeinkauf zum gemeinsamen Kocherlebnis mag noch am Gemüsemarkt stattfinden, doch abgepackte Produkte wie Milch, Butter, Haarspray oder Käse bieten sich für den Versand an. Wo heute teilweise noch die Mitarbeiter in den Filialen die Einkäufe zusammenstellen, testet Rewe bereits drohnen-gestützte Kommissionierung in eigenen Verteilerzentren. Von da ist es nur noch ein weiterer Schritt die Tür zu Tür Lieferung umzusetzen.

Das Thema Logistik ist grundsätzlich für jede Digitalstrategie entscheidend. Während es für online shops eine Vielzahl von Plugin- oder “out of the box” Lösungen gibt, sorgt die häufig unterschätzte Versandseite regelmäßig für Probleme. Schnell Verfügbarkeit der Produkte zwingt zu optimalen Betriebsabläufen nach dem Kauf im Internet und greift tief in alle Abteilungen des Unternehmens ein. Völlig neu ist auch die Rückabwicklung von Einkäufen aufgrund des Fernabsatzgesetzes inklusive neuer Kalkulationen aufgrund von beschädigten Materialien.
Vor Ort ist die Bezahlung heute noch der größte Flaschenhals im Supermarkt (Einzelhandel), mal abgesehen von der Schlange vor der Wursttheke. Hier zeigte IKEA als einer der ersten, wie man die Arbeit auf die Kunden auslagert und diese scannen läßt. Das suggeriert mehr eigene Kontrolle über den Vorgang und spart Lohnkosten. Erste Supermärkte übernehmen das Konzept, doch die Zukunft wird die Kassen gänzlich verschwinden lassen. Wenn sich mobile payment verbreitet hat, kann der Kunde doch auch gleich direkt die gewählte Ware bezahlen, wofür braucht es da noch Kassen?

Doch auch das Verschmelzen von analoger und digitaler Welt ist ein vielversprechender Ansatz. Wo steht denn geschrieben, dass der Kunde einen Supermarkt betreten muss, um Milch zu kaufen (ersetze Supermarkt mit Deichmann und Milch mit Schuhe). Entsprechende Werbung an Knotenpunkten wie Bahnhöfen bietet per Plakatwand die Lieferung auf’s Land (coop Pilot in der Schweiz). Gestartet wurde dieser Trend in Korea’s U Bahn von Tesco, dem britischen Lebensmittelriesen. Hier kann per Smartphone der Einkauf zusammengestellt und nach Hause geliefert werden.
Zusammenfassend verringert sich der Bedarf an Personal in den Filialen vor Ort und wird durch die Logistikzentren nicht kompensiert, da dort hochentwickelte IT menschliche Unterstützung limitiert.

Messenger

Zu den bekannten Produkten whatsapp oder snapchat ist bereits vieles gesagt worden. Die neue Generation schreibt sich lieber 30 Minuten lang Textnachrichten, statt einmal kurz zu telefonieren. Doch sind die messenger aus dem Alltag vieler nicht mehr wegzudenken.
In den vergangenen Monaten mehren sich die Hinweise auf Einkaufsfunktionen. In Asien ist es bereits üblich mit wechat Bestellungen aufzugeben und zu bezahlen. Für uns ist es völlig undenkbar ein Millionen Anwesen über einen Messenger zu bezahlen – für Immobilienmakler in den USA sind solche Abwicklungen zumindest nicht ungewöhnlich (Artikel auf BI) Dieser Trend wurde Anfang 2015 von Pizza Hut für Twitter übernommen und bietet einen Ausblick, wie sich die Messenger zu mulitfunktionalen Werkzeugen entwickeln. Wer sagt denn, dass ich nicht meinem Kaffee bei Starbucks mit einem #Coffee oder den #Whopper bei Burger King bestelle. Ein Schlüsselrolle übernehmen hier wieder einmal die Schnittstellen (APIs), über die sich Mehrwertdienste in die beliebten Apps einklinken und somit ständig verfügbar sind. Denn die überbordende Anzahl von Apps auf dem Smartphone hat heute einen Kampf um die erste Seite des Telefons entfacht und die Messenger belegen hier regelmäßig die vordersten Plätze. Was liegt da also näher, als die meistgenutzten Apps für sich zu nutzen und seine Dienstleistung darüber anzubieten?

Fazit

Viele Entwicklungen sorgten für eine Verlagerung von Arbeitsplätzen. Die Digitalisierung wird langfristig aber zu einer steigenden Arbeitslosigkeit führen, weil Maschinen immer mehr alltägliche Aufgaben übernehmen. Das Eingangs erwähnte Rasenmähen sei hier symbolisch für so viele Tätigkeiten genannt, die unser Leben erleichtern. Das endet mit dem lästigen Einkauf kurz vor Ladenschluss, der zuknüftig von einer Drohne erledigt wird, die den Kühlschrank füllt.
Im Beitrag auf Spiegel wird deutlich, dass konservative Ökonomen massenhafte Jobverluste befürchten, während ausgerechnet linke Wissenschaftler den steigenden Lebensstandard propagieren. Vor wenigen Jahren war es noch die Ökonomen, die die Maschinen vor den Linken verteidigen mussten.

“In den kommenden Jahren entstehen in Deutschland rund 430.000 neue Arbeitsplätze. In derselben Zeit gehen aber voraussichtlich 490.000 meist einfachere Jobs verloren” Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Gerade die einfachen Jobs werden immer mehr von der Technologie ersetzt, doch macht die Entwicklung auch vor den hochbezahlten Jobs nicht Halt. So rechnet die London School of Economics mit einem Jobverlust für 50% aller Arbeitnehmer in Deutschland. Sobald Maschinen Maschinen bauen, wird der Mensch zum reinen Konsumenten und die Politik sollte sich schon einmal Gedanken über ein bedingungsloses Grundeinkommen und Freiminuten für Uber machen.

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