Archiv für März 2012

Der Mythos um die Elektrifizierung des Auto

Mittwoch, 07. März 2012

Derzeit logieren in Genf wieder die Granden der Automobilindustrie und mit Ihnen die Fans dieser Art der Fortbewegung. Kaum eine Zeitung, die nicht über Prototypen, Designikonen oder Ausgeburten der PS Schlacht berichtet. Doch in all dem Lärm gehen die alternativen Antriebe meiner Meinung nach unter. Es festigt sich nach dem Debakel rund um den Volt der Eindruck, dass das Elektroauto doch nicht den ersehnten Durchbruch findet.

Zum Einen ist das eine politisch getriebene Diskussion – vor allem in Deutschland. Aber auch andere europäische Staaten sehen in der neuen Technologie ein Problem für Ihre Autoindustrie und so werden immer wieder sparsamere Verbrennungsmotoren in immer größer werdende Fahrzeuge verbaut. Mit dem Resultat, dass der Verbrauch nominal ein wenig sinkt, doch echte Sprünge nicht stattfinden. Wer sich die Mühe macht ein wenig über den Tellerrand zu blicken, wird erstaunt sein, was es da draußen bereits alles gibt. Während hier immer wieder alles schlecht geredet wird, ist man anderswo bereits enteilt. Doch bevor ich auf die wahren Technologieführer zu sprechen komme, möchte ich die Liste der Gegenargumente unserer Autoindustrie kurz nennen.

Strom ist dreckige Energie
Nun, diese Aussage ist per se schon mal falsch, denn es kommt auf die Quelle an. Natürlich ist Strom aus einem Kohlekraftwerk mitnichten eine Entlastung für unser Klimaproblem, doch gleichzeitig muss festgehalten werden, dass ich mit dem Antriebskonzept Elektro extrem flexibel bin.
Während der Benziner (Diesel gleichbedeutend – der Kürze wegen entfallend) in seiner Lebensdauer von ca. 8-10 Jahren immer nur auf Benzin angewiesen ist, dass aus nicht erneuerbaren Energien erzeugt wird, kann der Betreiber eines E-mobils sich der rasant voranschreitenden Energiewende anpassen. Die Steckdose bleibt gleich, nur die Produktionsart ändert sich und somit der umweltfreundliche Anteil.

Die Reichweite ist zu gering
Heutzutage kommem Stromer bereits >100km weit. Der Einwand, damit komme man nicht nach Italien ist natürlich richtig, aber – pardon – wieder typisch deutsch. Niemand will ernsthaft mit einem E-Auto von Hamburg nach Rimini fahren. Darum geht es überhaupt nicht, nur wird dieses Argument immer wieder vorgeschoben, weil es so schön “totschlägt”.
Die Hälfte der Pendler in BW legt auf dem Weg zur Arbeit einen Weg unter 10km zurück (Quelle sowie hier), in der ganzen Republik liegt der Anteil aller Fahrten bis 50km selbst in der Fläche bei nur 30%. Folglich kann ein Großteil ohne Probleme Stromer nutzen. Doch es ist wie mit der Richtgeschwindigkeit: Menschen kaufen sich Autos mit >200PS für den theoretischen Fall, dass wenn es frei ist man 230km/h fahren könnte(!).

Die Elektrifizierung geht einher mit einem Umdenken in der Mobilität. In Deutschland ist der Rückgang der Faszination für das Auto zu spüren, aber nicht allgegenwärtig. Auch sind wir Deutschen verschont von verstopften Städten. Jeder der einmal in echten Ballungsräumen wie London, Los Angeles oder Beijing war, weiß wie man Stau richtig definiert. Und genau dort setzt die Idee mit den Stromern an. Gleichzeitig ist der Begriff Eigentümer in Zukunft durch Nutzer zu ersetzen. Nicht jeder benötigt ein Auto und nüchtern betrachtet ist ein Auto in der Mehrheit der Eigentümer eine einzigartige Kapitalvernichtung bei extrem geringer Nutzung. Zehntausende Euro stehen 22Std pro Tag nutzlos in der Gegend und kosten dann sogar noch Standgebühr in Form von Tiefgaragenplätzen oder Parkgebühren.
Natürlich ist das ein großer Schritt. Eine echte Umstellung. Das Gewohnheitstier Mensch muß umdenken und der Deutsche seine Leidenschaft zu 1.5t Blech neu überdenken. Doch wir leben nicht nur in Deutschland und andere Länder haben die Probleme vor der Tür. Jeden Tag. Unsere Hersteller wollen dort auch noch in 10 Jahren Ihre Benziner absetzen. Es ist allerdings zweifelhaft, ob diese Rechnung aufgeht. Volkswagen hat diese Entwicklung komplett verschlafen. Als Europas größter Autohersteller hat dieser Konzern verbohrt auf Diesel gesetzt und Hybrid ignoriert. Angetrieben von “höher, schneller, weiter” wollte man am liebsten 500PS in einen Polo knallen. Die Nibelungentreue der Kundschaft ist mir schleierhaft, doch sorgte VW clevererweise mit Billigmarken selber dafür, dass Abwanderer trotzdem im Konzern bleiben. Dafür großes Lob.

Unterm Strich kann also festgehalten werden, dass die Reichweite von Elektroautos für einen Großteil der täglichen Fortbewegung völlig ausreichend ist.

Es gibt keine Ladestationen
Natürlich sähe das lustig aus, würden hier in München aus allen Fenstern Verlängerungskabel auf die Strasse hängen – obwohl, dann könnte ich endlich mein iPhone mit dauerschwachem Akku zwischenlanden?! Die Tankstellen wurden auch nicht über Nacht flächendeckend über Deutschland verstreut. Und bitte suchen Sie mal eine Tankstelle im Stadtkern von München.
Hier ist natürlich die Stadt gefragt. Wieso gibt es schon seit Jahren in Kalifornien in Parkhäusern reservierte Plätze für Stromer mit Ladestationen? Damit die Einschläge etwas näher kommen: Ich kam aus dem Staunen nicht heraus, als in Oslo futuristische Ladesäulen auf verschiedensten Parkplätzen ein ganzes Heer von Stromern mit Energie versorgte. Oslo liegt in Norwegen. Da ist es eigentlich immer dunkel – Stromverbrauch Scheinwerfer – und mitunter etwas frischer als in Deutschland – schlecht für die Batterien (angeblich). Nun, die Stromer sind aber da. Nicht einer, viele!

Die Infrastruktur muß geschaffen werden. Intelligent und vor allem konsequent. Wer sich einmal die Mühe macht in China nicht den Errichter unzähliger Kohlekraftwerke zu sehen, wird mit Entsetzen feststellen, dass die Chinesen einen Automarkt für 2020 mit >45Mio Fahrzeugen prognostizieren. Weil das allerdings nicht mit Benzinern funktionieren wird, geht man in China krasse Schritte. Der Anteil an energiealternativen Fahrzeugen soll in 8 Jahren bei sagenhaften 50% liegen. Das sind 20Mio Autos, die doppelte Jahresproduktion von VW. Und von denen würde nicht eines dieser Autos kommen – Stand heute.
China betreibt heute schon Taxiflotten in Großstädten die rein elektrisch fahren. Taxis! Sogar Busse. Diese teilen sich Ladestationen. Nachts die Busse, tagsüber die Taxis mit einer Ladezeit von 20-40min. Das entspricht ungefähr der Mittagspause.

Während hier also ständig nur sagen, wieso es nicht geht, werden in China Tatsachen geschaffen.

Stromer sind zu schwer
Eine sehr beliebte Aussage. Und so falsch. Fakt ist, dass die Autobauer grundsätzlich ein Problem mit dem Gewicht haben und das mit angeblich immer neue Anforderungen der Kunden begründen. Die Hersteller packen die Autos immer weiter voll mit irgendwelchen Dingen, die kaum ein Mensch braucht und erhöhen dabei das Gewicht. Denn sobald etwas in Masse hergestellt wird, kann es günstiger eingekauft werden. Deswegen ist ein neuer Golf meist teurer als der alte. Die Augenwischerei gipfelt dann in dem schönen Wort ausstattungsbereinigt. Das unterm Strich nicht der Kunde ein paar 100 EUR spart, sondern der Konzern richtig Asche macht, fällt hinten herunter.
Ein weiteres Problem ist die Bauart der Fahrzeuge. Immer größer, höher und damit schwerer. Die SUV Schwemme nimmt weiterhin rasant zu und mittlerweile werden Kleinwagen in der Höhe aufgeblasen und auf absurde große Räder gestellt. Der Kunde will es ja. Höchste Zeit, dass der Staat hier regulierend eingreift.

Das eigentliche Probleme der schweren Stromer ist allerdings, dass alle in herkömmliche Benziner Elektromotoren einbauen. Dabei wird die sagenumwobene deutsche Ingenieurskunst ad absurdum geführt, denn die Anforderungen an einen Eurofighter und einen Helikopter könnten unterschiedlicher nicht sein. Auch wenn beide fliegen.
Bauartbedingt ist die Gestaltung eines E-Autos anders und bietet auch Tricks, die in einem Benziner nicht funktionieren. Dazu müssen E-Autos leichter werden und Verbundstoffe kommen zu Einsatz. Sagte ich vorhin “alle”, so nehme ich hier einen kleinen deutschen Premiumhersteller aus.

Ein Loblied auf die Konsequenz von BMW
Die Konsequenz mit der BMW Entwicklungen durchzieht ist meiner Meinung nach einzigartig. Etwa im Jahr 2002/3 beschloss der Vorstand die Technik “Efficient dynamic”, während zu dieser Zeit andere noch vom 16 Zylinder träumten. In der Automobilindustrie gibt es lange Entwicklungszyklen und umso mehr ist bewundernswert, wie weitsichtig man bei BMW agierte.
Gleiches gilt für BMW i. Die Entscheidung für ein rein elektrisches Fahrzeug wurde gefällt und auch konsequent umgesetzt. Der Benziner wird nicht umgebaut, sondern ein Stromer von Grund auf neu entwickelt. Die Überzeugung der Münchner geht sogar so weit, gleich eine strategische Beteiligung an einem Karbonhersteller einzugehen – der Stoff aus dem die Träume der Zukunft sind. Obendrauf sattelt BMW dann noch das carsharing Modell drive-now, um in einigen Städten zu testen, wie Mobilität in der Zukunft funktionieren könnte. Nach meinem letzten Kenntnisstand wird drive-now bereits auf andere Städte ausgeweitet, weil es in München so gut angekommen ist.
Ich freue mich schon auf i3 und i7. Gerne zahle ich auch etwas mehr für die Fahrt. Denn dann ist umweltfreundliches Fahren wirklich endlich total hipp; denn wenn s in München funktioniert, dann doch wohl überall.

(Quelle bzw eine berauschende Präsentation zum Thema E-Technik in China)